Training nach Kapsel-Band-Verletzungen

Das Training nach Kapsel-Band-Verletzungen

Du kennst es sicher auch: Einmal kurz nicht aufgepasst und zack, schon ist man mit dem Fuß umgeknickt oder hat sich das Knie verdreht. Oft gehen diese Situationen glimpflich aus und mit einem kurzen Fluchen ist die Sache wieder vergessen. Manchmal hat man jedoch einfach Pech und zieht sich eine Verletzung des Kapsel-Band-Apparates zu. Je nach Art und Grad der Verletzung ist man dann erst einmal für eine Weile aus dem Verkehr gezogen. Nach einer solchen Verletzung wieder ins Training zu starten, ist oft gar nicht so einfach. Wie du deinen Kunden beim Auftrainieren optimal unterstützen kannst und welche Dinge du beachten musst, erfährst du in diesem Artikel.

Was macht Kapseln und Bänder unverzichtbar?

Zwei wichtige Sache jedoch noch vorweg: Es ist essenziell, dass die Verletzung deines Kunden vollständig ausgeheilt ist! Außerdem muss er die Freigabe seines Arztes eingeholt haben, dass er sich wieder voll belasten und somit ins Training starten darf. Sollten diese Faktoren nicht erfüllt sein, geh mit deinem Kunden ins Gespräch und erkläre ihm, warum ein Training für ihn aktuell noch nicht sinnvoll oder sogar gesundheitsgefährdend ist!

Wozu brauchen wir intakte Kapseln und Bänder?

1. Gelenkkapsel (Capsula articularis)

In einem echten Gelenk (Diarthrose) umgibt eine Gelenkkapseln die artikulierenden Gelenkpartner. Sie besteht aus einer kollagenen, straffen Schutzschicht (Membrana fibrosa) und einer feineren Gelenkinnenhaut (Membrana synovialis), welche die Gelenkschmiere (Synovia) absondert1. In der Gelenkkapsel herrscht ein leichter Unterdruck vor, welcher durch Blut- und Lymphgefäße in der Innenhaut aufrechterhalten wird. Gemeinsam mit der Muskulatur ist dieser dafür verantwortlich, dass die Gelenkpartner zusammenhalten, ohne, dass sie voneinander abrutschen (Stichwort: Adhäsion und Kohäsion)2

2. Bänder (Sg. Ligamentum, Pl. Ligamenta)

Bänder bestehen zu 70-80% aus kollagenem Bindegewebe und zu 3-5% Elastin. Sie widerstehen Dank ihrer Zusammensetzung und Faseranordnung selbst stärksten Zugkräften ohne wesentliche Verlängerung.

Wenn du dir ein mechanisches Kugelgelenk vorstellst, könntest du dieses in alle denkbaren Richtungen bewegen. Selbst eine Rotation um 360° wäre möglich. Wenn du nun aber ein Kugelgelenk im menschlichen Körper betrachtest  (z.B. Articulatio coxae, lat. Hüftgelenk) sind die Bewegungen deutlich limitierter. Das liegt vor allem daran, dass Gelenkkapseln (Capsula articularis) und Bänder u.a. die Gelenkbewegungen passiv hemmen und unerwünschte Bewegungsrichtungen mechanisch ausschließen.

Warum? Für jede Muskelaktivierung benötigt dein Körper Energie. Müsste er also jede Gelenkbewegung nur aus Muskelkraft stabilisieren, würden dich selbst simpelste Alltagsbewegungen ziemlich schnell erschöpfen. Besser ist es also, wenn unsere Ligamente uns einen Teil dieser Aufgabe abnehmen. Ähnlich wie bei der Muskulatur, wird jedoch nie ein ganzes Band gleichzeitig angespannt, sondern lediglich einige Faseranteile. Würden alle kollagenen Fasern eines Bandes gleichzeitig beansprucht, wäre eine Bewegung nicht möglich. Bänder kommen an verschiedenster Stelle im menschlichen Körper vor und übernehmen diverse Funktionen2:

  • Kapsuläre Ligamente sind Verstärkungsbänder der Gelenkkapseln, welche die Gelenkpartner je nach ihrem Verlauf in ihrer Bewegung sichern (Haftbänder), führen (Führungsbänder) oder eine Überbewegung hemmen (Hemmungsbänder)2,3
  • Intrakapsuläre Ligamente beschreiben Bandstrukturen innerhalb der Gelenkkapsel und übernehmen ebenso sichernde, führende oder hemmende Aufgaben, z.B. das vordere und hintere Kreuzband des Kniegelenks (Lig. cruciatum anterius, bzw. -posterius)2,3 
  • Extrakapsuläre Ligamente kommen außerhalb der Gelenkkapseln vor und verbinden hauptsächlich gegeneinander bewegliche Knochenelemente miteinander, z.B. Verbindungsbänder zwischen Schlüsselbein (Clavicula) und Schulterblatt (Scapula) wie u.a. Lig. acromioclaviculare2,3

Neben der Stabilisierung von Gelenken und Gelenkpartnern, haben Kapsel und Bänder noch eine weitere wesentliche Aufgabe. In ihnen sind Kapselsensoren eingebettet, welche in direktem Kontakt mit dem zentralen Nervensystem stehen. Sie leiten Signale zur Gelenkposition, Bewegung, Geschwindigkeit, Aktivität, Schmerz und Schädigung an das Gehirn weiter. Somit spielen sie eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung und Regulierung von Bewegung2

Welche Folgen haben Kapsel-Band-Verletzungen?

Was sind die häufigsten Kapsel-Band-Verletzungen?

Die häufigsten Verletzungen des Kapsel-Band-Apparates sind Distorsionen (Syn. Verstauchung, Bänderzerrung, Überdehnung) und Bandteil- bzw. vollständige Bandrupturen. Distorsionen sind oft die Folge eines indirekten Traumas und kommen am häufigsten an Fußgelenken (Umknicken) sowie an Knie-, Hand- und Fingergelenken (Verdrehungen) vor4. Durch die Beschädigung des Kapsel-Band-Apparates entfällt die Schutzfunktion der äußeren Schicht der Gelenkkapsel (Membrana fibrosa) und Zugkräfte können nun direkt auf die innere Schicht (Membrana synovialis) einwirken. Durch eine Reihe von Mechanismen kommt es in Folge dessen zu einer Zunahme der Flüssigkeitsmenge im Gelenk und zu einer Überreizung der Kapselsensoren. Dies führt u.a. zu einer Schwellung sowie zu einer schmerzhaften Bewegungseinschränkung (Immobilität) des betroffenen Gelenkes2.

Bei Bandverletzungen wurde die biomechanische Belastbarkeit des betroffenen Ligaments durch eine indirekte Krafteinwirkung überschritten. Die Folge können eine leichte Überdehnung, eine partielle (teilweise) oder totale Ruptur der Fasern eines oder mehrere Gelenkbänder sein. Ähnlich wie bei der Distorsion äußern sich Bandrupturen durch eine Schwellung und Schmerzen (Bewegung, Belastung)5. Gerade bei Rupturen von u.a. vorderem und hinterem Kreuzband (Lig. cruciatum anterius, -posterius) sind jedoch auch pathologische Beweglichkeiten und Instabilitäten zu erwarten.

Zumeist werden Verletzungen des Kapsel-Band-Apparates konservativ behandelt (Hochlagern, Kühlen, Ruhigstellen u.a. durch Orthesen) und nur in selten Fällen, wie z.B. beim knöchernen Ausreißen von Bändern, operativ versorgt2

Welche Folgen hat eine längerfristige Ruhigstellung?

Zur Unterstützung der Genesung von Kapsel-Band-Verletzungen wird von Ärzten oft eine teilweise oder totale Ruhigstellung (Immobilisation) des betroffenen Gelenkes angeordnet. Hierbei wird jedoch oft nicht nur das Betroffene, sondern auch viele weitere Bänder und Strukturen ruhiggestellt. Untersuchungen haben ergeben, dass langfristig ruhiggestellte Bänder schlaff werden und sich bereits bei geringer Zugbelastung verlängern. Wenn du dich an die Funktionen von intakten Bändern zurückerinnerst, wird deutlich, dass sie in diesem Zustand auch ihrer bewegungshemmenden und -führenden Aufgabe nicht mehr gerecht werden können. Des Weiteren können sie im Vergleich zu gesunden Bändern auch weniger Zugkraft aushalten, bevor sie reißen. Auch die Gelenkkapsel und die umgebende Muskulatur macht während der Ruhigstellung einige Veränderungen durch. Während die Muskulatur immer mehr an Kraft verliert, büßt auch die Gelenkkapsel immer mehr an Flexibilität ein. Das Ergebnis ist oft eine Bewegungseinschränkung und Instabilität des betroffenen Gelenkes2.

Auf was solltest du also beim Training deiner Kunden achten ?

Bevor wir in das Thema starten, weise ich noch einmal auf den Beginn des Artikels hin: Es ist nicht nur essenziell, dass die Verletzung deines Kunden ausgeheilt sind, sondern auch, dass er die Freigabe des Arztes eingeholt hat, dass er sich wieder voll belasten und ins Training starten darf! Alle Gelenkfunktionen sollten wieder schmerzfrei hergestellt sein. Eine gute Faustregel aus der Physiotherapie: Erst wenn dein Kunden seinen Alltag wieder schmerzfrei bewältigen kann, sollte er überhaupt erst an Training überhaupt denken. Sollten diese Faktoren gegeben sein, solltest du dennoch diese drei Punkte beachten: 

1. Startet mit weniger Intensität und baut langsam auf!

Die meisten Kunden mit einer Kapsel-Band-Verletzung haben bereits eine Physiotherapie und somit ein leichtes Aufbautraining durchlaufen. Auch die Gelenkfunktionen werden in diesem Rahmen oft wieder einem Optimum angenähert. Je nach Dauer der Ruhigstellung ist jedoch auch danach noch mit einem Kraftdefizit und mit Instabilitäten zu rechnen. Startet daher mit moderater Intensität ins Training und passt den Trainingsplan an die aktuellen Bedürfnisse deines Kunden an.

Durch eine Verletzung an Kapsel und Bändern, können auch die oben beschriebenen Sensoren irritiert sein und Fehlinformationen zu Gelenkposition, Bewegung, Geschwindigkeit und Aktivität an das zentrale Nervensystem weiterleiten. Achte also stets auf die Körperwahrnehmung deines Kunden. Das Training nach Kapsel-Band-Verletzungen erfordert viel Geduld, da durch die Ruhigstellung eine Vielzahl an Strukturen betroffen sein können. Wer nach einem Kapsel-Band-Trauma keine Geduld beweist und zu schnell auftrainiert, läuft in Gefahr in einer Übertraining zu geraten. Achte daher stets auf Überlastungszeichen deines Kunden und leiste Überzeugungsarbeit es langsam anzugehen.

2. Arbeitet im schmerzfreien Rahmen!

Schmerz ist eine Schutzfunktion des Körpers und sollte während des Trainings nicht auftreten. Solltet ihr in diesen Bereich rutschen, ist die Belastung evtl. noch zu hoch. Auch ein muskuläres Ziehen oder Druckgefühl im Gelenk sollte nie ein Maximum erreichen. Frage immer wieder nach Beschwerden und achte stets auf die Körpersprache (Mimik und Gestik) deines Kunden, um schnell intervenieren zu können. Erkläre deinem Kunden ggf. deinen Plan und wie ihr die Intensität über einen Zeitraum x wieder langsam steigern könnt.

3. Variiert in den Trainingsmethoden!

Einerseits steht nach langfristiger Immobilität die Kräftigung hypomobiler Muskulatur im Vordergrund, andererseits sollte auch die Stabilisierung und Verbesserung der Beweglichkeit Fokusthema sein. Variieret daher in den Trainingsmethoden, um alle Bereiche optimal abzudecken. Zu Beginn bieten sich oft geführte Bewegungen (klassisches Krafttraining) an, um separate Muskelgruppen zu trainieren und ggf. eine muskuläre Dysbalance auszugleichen. Außerdem könnt ihr so mögliche Ausweichbewegungen (meist durch Schonhaltungen) kontrollieren und minimieren.

Schließlich solltet ihr jedoch auch ins funktionelle Training übergehen, um über komplexe Bewegungsabläufe die Stabilität und Beweglichkeit deines Kunden aktiv zu trainieren. Je nach Art der Kapsel-Band-Verletzungen gibt es verschiedene Untersuchungen und Ansätze von optimalem Training. Egal für welche ihre euch auch entscheidet, achte stets auf die Qualität der Ausführungen deines Kunden, um Folgeschäden durch Ausweichbewegungen zu vermeiden. 

Quellen

1 Pschyrembel Online (2019). Gelenkkapsel. Abgerufen am 18.08.2019 von https://www.pschyrembel.de/gelenkkapsel/K04GD/doc/.

2 De Morree, J.J. (2013). Dynamik des menschlichen Bindegewebes. Funktion, Schädigung und Wiederherstellung. 2. Auflage. Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag , München.

3 Pschyrembel Online (2019). Ligament. Abgerufen am 18.08.2019 von https://www.pschyrembel.de/ligament/K0CWN/doc/.

4 Pschyrembel Online (2019). Distorsion. Abgerufen am 18.08.2019 von https://www.pschyrembel.de/distorsion/K063P/doc/.

5 Pschyrembel Online (2019). Bandruptur. Abgerufen am 18.08.2019 von https://www.pschyrembel.de/Bandruptur/K03E6/doc/.

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